Die Ursachen der Depression

1.2 Hilfeschrei mit der Rasierklinge

[Quelle: Husumer Nachrichten, Sa. 11.12.2004, Gesundheit]
Wiesbaden, Cornelia Jeske

Hilfeschrei mit der Rasierklinge
Oberflächlich betrachtet, sind es ganz normale Jugendliche. Doch schaut man näher hin, zeigt ihr Körper, dass sie gravierende Probleme haben. Denn wenn es diesen Jugendlichen schlecht geht, greifen sie zu Messer oder Rasierklinge, um sich Verletzungen zuzufügen.

Wenn es ihnen schlecht geht, greifen sie zur Rasierklinge, wie andere zum Alkohol. Kein Kater bliebt zurück, sondern Wunden und Narben. Bei immer mehr Jugendlichen beobachten Psychologen Selbstverletzendes Verhalten, kurz SvV genannt. Das ist dann keine Mutprobe, sondern ein Hilfeschrei. „Zum Teil sind psychische Erkrankungen wie Depressionen oder das so genannte Borderline-Syndrom der Grund für dieses Verhalten", erklärt die Psychologin Annette Böttcher aus Wiesbaden. "Die meisten reagieren damit auf Probleme, Einsamkeit, traumatische Erfahrungen oder Minderwertigkeitskomplexe."
    Manche Mädchen kommen in der Pubertät mit dem sich verändernden Körper nicht zurecht. "Selbsthass führt dann oft zur Zerstörungswut gegenüber dem eigenen Körper", erläutert Böttcher. Als Anna aus Göttingen sich das erste Mal mit dem Messer in den Arm schnitzte, war sie unglücklich verliebt. Sie dachte, sie wäre nicht schön genug für den Jungen, der ihre Liebe nicht erwiderte. Sie wollte sich selbst dafür bestrafen.

Auch Alexandra aus Berlin wollte sich bestrafen, als sie mit 16 versuchte, sich den Arm zu brechen. Sie hatte sich mit ihren Freundinnen gestritten und schuldig gefühlt. Sie habe das Bedürfnis gehabt, sich selbst zu bestrafen und irgendwie auch die Hoffnung, durch ein Unglück wie den Gipsarm wieder gemocht zu werden. Oft bleibt es nicht bei einer einmaligen Selbstverletzung: „Eine Wunde ist wie ein Ventil, durch das der innere Druck abgelassen ,werden kann", erklärt Alexandra. Das macht manche süchtig.
    Vor Freunden und der Familie versuchen die Selbstzerstörer ihre Wunden und Narben zu verstecken. Line Keller, die mit „Rote Linien" eine Webseite für SvV-Angehörige betreibt, hat sich am Anfang über die Narben ihrer Tochter gewundert. Erst als sie sie darauf ansprach und das 13-jährige Mädchen wütend aus dem Zimmer rannte, ahnte die Mutter, dass da was nicht stimmte: "Aber von dieser Krankheit SvV hatte ich damals noch nichts gehört." Die Mutter schaffte es, die Tochter zu einer Therapie zu bewegen.
    Auch Alexandra hat eine Therapie gemacht. Heute geht es ihr besser, sie hat gelernt, mit depressiven Stimmungen umzugehen. Arina macht seit drei Jahren eine Therapie. Der Weg zum Arzt oder Therapeuten ist laut Böttcher unerlässlich. Nicht selten führt der Ritz am Unterarm sonst zum Schnitt an den Pulsadern.

"80 Prozent der Jugendlichen, die einen Suizid begehen, haben zuvor schon Erfahrung mit SvV gemacht", erklärt Böttcher. Für manche Betroffene sind die Selbstverletzungen eine Phase: "Viele fangen mit 13 Jahren an, und hören spätestens mit 16 wieder damit auf." Doch von allein hören die wenigsten mit SvV auf: "Man sollte sich jemanden anvertrauen und nicht alles in sich hineinfressen."
    Das engere Umfeld reagiert meist schockiert und hilflos auf die blutige Sucht. "Unterstützung durch Freunde ist immens wichtig, aber immer ein Spagat", sagt Alexandra. "Freunde sollten keine Ultimaten setzen oder Versprechen abnehmen, dass sich der Betroffene nicht mehr verletzten wird." Auch Anna findet den Druck durch Freunde problematisch. Der führe nur dazu, dass sich die Betroffenen stärker zurückziehen oder die Verletzungen an Körperstellen verlagern, die die anderen nicht so leicht wahrnehmen.
    Freunde sollte daher die Verletzungen akzeptieren, aber deren Hintergründe hinterfragen, meint Alexandra. "SvV ist nur ein Symptom dafür, dass etwas anderes nicht stimmt." Redebereitschaft zu signalisieren, wäre ein guter Anfang.

Anmerkungen zum Zeitungsbericht: SvV ist ein Symptom, das etwas nicht stimmt. Das ist richtig. Der Stoffwechsel dieser Menschen ist gestört. Mädchen und junge Frauen, die die Anti-Babypille (Kontrazeption) einnehmen, leiden dreimal so häufig unter Depressionen wie gleichaltrige Männer. Kommt dann noch Alkoholgenuß oder einseitige Ernährung hinzu, ist die Depression vorprogrammiert. Streßfaktoren sind Auslöser, jedoch nicht die Ursachen der Probleme. Den psychologischen Erklärungen im Zeitungsbericht (redaktioneller Teil) fehlen (logisch) nachvollziehbare Beweise: Konjunktiverklärungen - nein danke! So werden depressivkranke Menschen von den Medien auf einen Irrweg geschickt. Die Aufmachart ist überall die gleiche: "Hilfestellung - mit der psychologischen Sense!"

In deutschen Presseerzeugnissen finden sich niemals Hinweise auf die Zusammenhänge von Depressionen und (qualitativer) Mangelernährung. Die Verantwortlichen beißen sich lieber die Zunge ab, als das Maul aufzusperren. Im Fernsehen, in Gesundheitssendungen, fragt ein hübsches Dummerchen meist mit Doktortitel den Herrn Professor, den Experten, nach den Auslösern der Depression, aber "nie nicht" gibt es eine Erklärung. Frage: "Aus psychoanalytischer Sicht können für Depressionen auch kindliche Seelenverletzungen, etwa durch eine lieblose Mutter, verantwortlich sein. Wie paßt das zu Ihrem Psychologiemodell?" Antwort des "Experten": "Das paßt hervorragend!"

Um die Verwirrung in den Köpfen der Menschen noch weiter zu betonieren, werden Depressionen nun sogar schon bio-psycho-soziologisch begründet. Dadurch sind sie nicht mehr erforschbar, weil die Anzahl der Ursachen (mathematisch) in den astronomischen Bereich strebt. Der Depressive begibt sich in einen Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt. Er wird vollgedröhnt mit Psychoquatsch und vollgestopf mit Psychopharmaka, zweifelhaften Medikamenten, und sie werden oft als harmlos dargstellt.

Bruno Rupkalwis
Internet: www.hirndefekte.de