Humanbiologie

2.2 Symptome der Ernährungskrankheiten

2.2.1. Alkoholkrankheit; sog. Alkoholismus oder Abhängigkeit von Alkohol mit somat., psych. oder sozialen Folgeschäden. In Deutschland sind 2,5-3 Mill. Menschen alkoholkrank. Folgen sind z.B. Fettleber, Alkoholhepatitis, Leberzirrhose, Pankrentitis, Speiseröhrenerkrankung, Gastritis, Herz- und Kreislaufprobleme, Kleinhirnrindenatrophie, Wernicke-Enzephalopathie*, Krampfanfälle; soziale Folgen; Alkohol ist Vitaminräuber.

2.2.2. Anämie; sogenannte Blutarmut; Verminderung von Erythrozytenzahl, Hämoglobinkonzentration u./od. Hämatokrit unter die altersentsprechenden u. geschlechtsspezif. Referenzwerte*; da sich diese drei Parameter nicht immer gleichsinnig verändern, empfiehlt sich bei Verdacht auf eine A. deren gleichzeitige Bestimmung. Infolge der verminderten Sauerstofftransportkapazität des Bluts auch Störungen sauerstoffabhängiger Stoffwechsel- u. Organfunktionen. Bei akuter Entwicklung (z.B. Blutverlust) Sympt. des Schocks; bei chron. Entw. oft langsamer Verlauf mit Leistungsabfall, Müdigkeit, Atemnot, Tachykardie (Herzrhythmusstörung), großer Pulsamplitude u. funktionellen (hörbaren) Herzgeräuschen, selten Angina pectoris u. Zeichen einer Herzinsuffizienz.

2.2.3. Antibiotika; i. e. S. Bez. für best. Stoffwechselprodukte von Schimmelpilzen, Streptomyzeten od. Bakt., i. w. S. auch für deren (semi-)synthetische Derivate mit bakteriostatischer (z. B. Tetracycline, Chloramphenicol, Makrolid-Antibiotika) od. bakterizider (z. B. Penicilline, Cephalosporine, Aminoglykosid-Antibiotika, Polymyxine) Wirkung;
Verwendung bei bakt. Infektionskrankheiten in eindeutigen Fällen. Fieber allein ist keine Indikation für eine Antibiotikagabe! Die lokale Anwendung von A. ist bei den meisten Infektionen nicht indiziert!

2.2.4. Antikörper; zu den Gammaglobulinen gehörende heterogene Gruppe von Glykoproteinen (Immunglobuline*), die als mögliche Antwort des Immunsystems* nach Kontakt des Organismus mit Antigenen von B*-Lymphozyten u. Plasmazellen* gebildet u. in Körperflüssigkeiten sezerniert werden u. mit dem entspr. Antigen spezif. (selektiv) reagieren (Antigen*~Antikörper~Reaktion). Antikörger besitzen zwei (bivalente Ak, z. B. IgG) bis zehn (sog. multivalente Ak, z. B. IgM) Antigenbindungsstellen; monovalente Ak kommen natürlicherweise nicht vor.
Funktion: Als Träger der humoralen Immunität* v. a. Bindung von fremden (pathogenen Mikroorganismen) und körpereigenen Antigenen (z. B. Tumorzellen) mit Neutralisation z. B. von Toxinen u. Viren, Agglutination* od. Lyse korpuskulärer Antigene durch Aktivierung von Komplement od. Stimulation der Phagozytose* durch Opsonisierung der Antigene sowie Freisetzung biologisch wirksamer Mediatoren* aus aktivierten Mastzel1en* (durch zytophile Ak). Antikörper können (häufig sekundär) auch nachteilige Auswirkungen auf den Organismus haben und spielen z. B. in der Pathogenese der Allergie, bei Immunkomplexkrankheiten*, Autoimmunkrankheiten*, Abstoßungsreaktionen, eine Rolle. Vgl. Autoantikörper.

2.2.5. Antioxidanzien; leicht oxidierbare Stoffe, die durch ihr niedriges Redoxpotential andere Stoffe (z. B. in Lebensmitteln) vor unerwünschter Oxidation* schützen; natürl. Antioxidanzien sind z. B. Tocopherole*, Ascorbinsäure*, zu den synthet. A. zählt z.B. Schwefeldioxid. Da A. infolge ihrer antioxidativen Wirkung die Entstehung von Freien Radikalen* verhindern können, wird ihnen eine präventive Funktion hinsichtlich bestimmter Erkrankungen zugeschrieben. Verwendung auch als Konservierungsstoffe für Lebensmittel u. Kosmetika.

2.2.6. Atrophie; Rückbildung eines Organs oder Gewebes, krankhaft als einfache A. mit Verkleinerung der Zellen oder mit Abnahme der Zellzahl; Einteilung: 1. physiologisch (z. B. Alter-satrophie), Involution (z. B. des Thymus in der Pubertät); 2. pathologisch; a) generalisierte, metabolisch bedingt bei Unterernährung od. endokrin bedingt; b) lokalisierte, z. B. infolge lokaler Durchblutungsstörungen.

2.2.7. Autoantikörper; gegen körpereigene Antigene versch. zellulärer Strukturen (z. B. Oberflächenantigene. Rezeptoren, Nukleinsäuren, Proteine, Glykoproteine) gerichtete Antikörper* (Immunglobuline) mit physiol. u. pathol. Bedeutung.

2.2.8. Avitaminose (Vita-; Leben); schwere Form des Vitaminmangels (leichte Formen: Hypovitaminosen*): 1. ungenügende Zufuhr bei Malnutrition*; 2. Zerstörung der Darmflora (z. B. durch Antibiotika); 3. Störung der Resorption (starke Durchfälle, Darmresektion, Schleimhautatrophie mit Fehlen von Intrinsic*-Faktor). Vgl. Vitamine.
A.n, tropische; aufgrund schlechter Ernährungslage in den trop. u. subtrop. Entwicklungsländern häufig vorkommende Mangelerscheinungen vorwiegend bei Kindern; wichtigste t. A.: Ariboflavinose*, Beriberi*, Pellagra4* u. Xerophthalmie*. Rachitis* ist trotz der starken Sonnenstrahlung in den Tropen und Subtropen sehr viel häufiger als in Ländern mit gemäßigtem Klima (bessere Lebensbedingungen); Skorbut* ist in den Tropen ausgesprochen selten.

2.2.9. Cheilitis, Lippenentzündung, manchmal hartnäckige Ver-änderungen an der Unterlippe, meist als Folge einer chron. Cheilitis actinica. Es gibt viele verschiedene Formen, z.B. Cheilitis vulgaris; sog. aufgesprungene Lippen; entzündl. Schwellung, Desquamation u. Rhagaden der Lippen; Ursache häufig Riboflavin*-mangel.

2.2.10. Coenzyme; niedermolekulare, bei Enzymreaktionen am Transfer von Elektronen, Protonen oder Molekülgruppen beteiligte Substanzen, die sich strukturell meist von Vitaminen ableiten; Coenzym und Enzymprotein bilden das enzymatisch aktive (Holo-)Enzym. Coenzyme nehmen in erforderlichen Mengen an der Reaktion teil. Im Gegensatz zu Enzymen*, die für ein einziges Substrat spezifisch sind, wirken Coenzyme mit vielen Enzymen unterschiedlicher Substratspezifität zusammen.

2.2.11. Coenzym A (Abk. CoA); Wirkungsform des Vitamins Pantothensäure*; biochem. Funktion: Übertragung von Acylgruppen; organischen Säuren (z. B. bei der Betaoxidation) sind in Acyl-CoA infolge der energiereichen Thioesterbindung aktiviert. Acetyl-CoA besitzt eine Schlüsselstellung im Metabolismus*, es verbindet Citratzyklus, Glykolyse und Fettstoffwechsel. Vgl. Coenzyme*

2.2.12. Coenzym Q (syn Ubichinon); Sammelbezeichnung; Bedeutung in der Atmungskette und bei Protonen und Elektronen.

2.2.13. Cornea; Hornhaut des Auges; durchsichtiger Abschnitt der Augapfelhülle, der am Limbus corneae in die weiße Augenhaut (Sklera) übergeht.

2.2.14. Degeneration; sogenannte Entartung zellulärer Strukturen oder Funktionen infolge Schädigung der Zelle: 1. wässrige D.; 2. fettige D. (Fettansamlung); 3. Proteinablagerung; 4. extrazellulärer Stoffaustausch; 5. Nervenschädigungen

2.2.15. Demenz; Bez. für i. d. R. über Monate bis Jahre chronisch (zunehmend) verlaufende, degenerative Veränderungen des Gehirns mit Verlust von früher erworbenen kognitiven Fähigkeiten; Symptome: zunehmende kognitive Störungen, die insbes. Gedächtnis, Denken, Urteilsfähigkeit, Intelligenz u. Orientierung betreffen und häufig mit Beeinträchtigungen im sozialen u. beruflichen Umfeld bzw. Veränderungen in der Persönlichkeitsstruktur einhergehen; u. U. psychotische Symptome (z. B. Halluzinationen od. Wahnideen), eine quantitative Bewusstseinsstörung liegt i. d. R. nicht vor; Alzheimer-Krankheit; Parkinson-Syndrom, Multiple-Sklerose, Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, u. a. Depression, geistige Behinderung.

2.2.16. Demineralisation (De-; lat. minerales Grubenerz) f: (engl.) demineralization; Verarmung des Körpers an Mineralien; z. B. Phosphat- u. Calciumverlust bei Rachitis od. Karies, Kochsalzverlust bei Pylorusstenose, Erbrechen; ferner bei mineralienarmer Ernährung.

2.2.17. Dermatitis; Bez. für eine primär die Dermis erfassende, entzündliche Hautreaktion auf chem., phyikal., mikrobielle od. parasitäre Noxen sowie i.R. anderer Hauterkrankungen (z. B. atopisches Ekzem, Psoriasis).

2.2.18. Diarrhö; das Durchfließen; Durchfall; mehr als drei dünnflüssige Stühle pro Tag mit mehr als 200 g Gewicht pro Tag; Formen: 1. osmotische D.: unzureichende Resorption osmorisch wirksamer Substanzen im Darm; 2. sekretorische D.: gesteigerte Ionensekretion u. mangelnde Ionenresorption; 3. entzündliche D.: Austritt von Proteinen u. Blut; 4. D. bei gestörter Organbewegung;

2.2.19. Eisenmangelanämie (Anämie*); häufigste Anämie*, bei der die Biosynthese von Häm* infolge Eisenmangels verzögert ist; Folge: niedriger Gehalt an Hämoglobin*, der aufgrund der zusätzl. gestörten Erythropoese zur Bildung mikrozytärer Erythrozyten führt; Urs.: 1. akuter od. chron. Blutverlust; a) physiol. (Menstruation); b) pathol., am häufigsten gastrointestinale Blutungen (z. B. bei Ulcus, Gastritis, bei Therapie mit Medikamenten; Zahnfleisch- u. Nasenbluten; 2. ungenügende Nahrungseisenzufuhr (bei vegetarischer Ernährung); 3. erhöhter Eisenbedarf (im Wachstum, bei Schwangerschaft u. Stillen); 4. Eisenresorptionsstörung (bei Magenerkrankung, Malabsorption, Diarrhö, nach Magen-Op); 5. Eisenverteilung und -Transport.
Ein Eisendefizit manifestiert sich krankhaft i. d. R. erst nach Verbrauch des als Hämosiderin u. Ferritin gespeicherten Eisens (ca 20 % des Gesamteisens); daher sind viele Patienten. an Eisenmangel angepaßt und ohne wesentliche Beschwerden.
Symptome: Anämie (Müdigkeit, Blässe); Kopfschmerz, Appetitlosigkeit, Diarrhö, Obstipation sowie trockene u. spröde Haut, brüchige Haare u. Nägel, Nasenschleim-, Mundwinkeleinrisse, Zungenbrennen, Glossitis mit Papillenatrophie, Schluckbeschwerden, Gastritis u. leichte Hautbeschwerden;
Therapie: 1. Ursache des Eisenmangels ausschalten; 2. Ausgleich des Eisendefizits, möglichst oral (2-wertige Eisenverbindungen);

2.2.20. Enzyme (syn. Biokatalysatoren); Makromoleküle, meist Proteine, z. T. auch Ribonukleinsäuren Ribozyme), die chem. Reaktionen in biologischen Systemen katalysieren; durch die Beschleunigung chemischer Reaktionen mind. um das 106-fache und die Verminderung der freien Aktivierungsenergie ermöglichen sie den Ablauf chemischer Reaktionen bei Körpertemperatur. Prinzipiell können Enzyme die Reaktion in beide Richtungen katalysieren. Da bei den einzelnen in Stoffwechselprozessen aufeinander folgenden Reaktionen das Produkt entfernt wird, verschiebt sich das Gleichgewicht, so dass die Reaktionen in einer Richtung ablaufen.

2.2.21. Epithelgewebe; geschlossener Zellverband, der innere oder äußere Körperoberflächen bedeckt mit Funktionen: Schutz, Stoffaustausch, Reizaufnahme.
Einteilung: 1. Plattenepithel: a) einschichtig, z. B. Peritoneum; b) mehrschichtig, unverhornt, z. B. Mundhöhle, Vagina; verhornt, z. B. Epidermis; 2. kubisches Epithel z. B. Pigmentepithel der Retina, 3. hochprismatisches (Säulen-)Epithel: a) einschichtig, z. B. Magen, Gallenblase, Darmkanal, Eileiter u. Uterus (Sekretionsphase) mit Flimmerbesatz; 4. Mehrreihiges Epithel, z. B. Respirationstrakt (mit Flimmerbesatz u. Becherzellen); 5. Über-gangsepithel: Form des mehrschichtigen Epithels; Auskleidung von Hohlorganen mit veränderl. Ausdehnung: Nierenbecken, Harnblase, Anfangsteil der Harnröhre; Deckzellen (harnsichere Zellen) oft mehrkernig, mit oberflächl. Zytoplasmaverdichtung.

2.2.22. Folsäuremangalanämie (Anämie*); makrozytäre (große, megaloblastäre) hyperchrome Anämie mit Leukopenie u. Thrombopenie bei Folsäuremangel (Serumkonzentration unter 11,3 nmol/l bzw. 0,5 m g/dl). Ursache: 1. unzureichende Zufuhr. z. B. bei allgemeiner Unterernährung, Alkoholkrankheit, Ernährungsfehlern; 2. gestörte Resorption. z. B. bei Zöliakie und Sprue, Magen-Op.; auch medikamentös bedingt (z. B. durch Antibaby-Pille); 3. gesteigerter Bedarf, z.B. in der Schwangerschaft, bei Schilddrüsenüberfunktion, u. U. auch bei hämolytischer Anämie (Blut); 4. B>Hemmung der Folsäurebiosynthese, z.B. durch Folsäureantagonisten, Alkohol.
Symtome: Blutveränderungen ähnlich denen bei perniziöser Anämie*.
Diagnostisch: Abgrenzung durch Bestimmung der Serumkonzentration von Cobalamin*, Verlauf der F. ohne neurol.-psychiatr. Symptome?
Beseitigung der Ursache, folsäurehaltige Nahrungsmittel, orale Zufuhr von Folsäure.

2.2.23. Freie Radikale (Radikale*); sehr reaktionsfreudige Verbindungen mit einem ungepaarten Elektron, die vielfältige irreversible Reaktionen auslösen; F. R. entstehen durch Zufuhr von Energie, z. B. durch ionisierende Strahlung, oder bei Elektronenübertragung. Vgl. Antioxidanzien*.

2.2.24. Gastritis; Entzündung der Magenschleimhaut; Einteilung nach verschiedenen Kriterien. Von einer chronischen Gastritis sollte nur gesprochen werden, wenn die Diagnose durch histologische Untersuchung der Magenschleimhaut gesichert ist.

2.2.25. Glossitis; Zungenentzündung: entzündl. Veränderung der Zungenschleimhaut. häufig in Verbindung mit Stomatitis bei Infektionskrankheiten, häufig auch in Verbindung mit Mangelkrankheiten (Pellagra, perniz. Anämie).

2.2.26. Hartnup-Krankheit; seltene, autosomal-rezessiv erbl. Stoffwechselstörung mit Defekt der intestinalen u. tubulären Resorption von neutralen Aminosäuren; benannt nach der erstbeschriebenen Familie; meist klinisch. inapparent, u. U. pellagraähnliche Lichtdermatose infolge Tryptophanmangels (Verminderung der Nicotinamidsynthese), selten zerebellare Symptome;
Therapie ggf. Nicotinamid (Vitamin B3).

2.2.27. Herzinsuffizienz; (Insuffizienz*) synonym dafür Myokardinsuffizienz, Herzmuskelschwäche; unzureichende Funktion des Herzens, bei der das Herz nicht mehr imstande ist, eine den Anforderungen entspr. Förderleistung zu erbringen. Ursachen nach Herzinfarkt, Kardiomyopathie, erworbene Herzfehler, Hypertonie, Herzrhythmusstörungen, koronare Herzkrankheit, Myokarditis. Der sog. "Plötzliche Herztod" ist häufig auf Thiamin*-Mangel zurückzuführen.

2.2.28. Hormone; organische Verbindungen, die als interzelluläre Signalstoffe oft in endokrinen (inneren) Organen produziert werden, mit dem Blut in freier oder gebundener Form zu ihren Erfolgsorganen gelangen und in extrem geringer Konzstanz (bis 10-15 mol/gr Gewebe) den Stoffwechsel* charakteristisch beeinflussen. Die spezifischen Wirkungen von Hormonen vermitteln Hormonrezeptoren (Signalempfänger). Regelkreise (z.B. Blutzuckerspiegel) kontrollieren die komplexen Wechselwirkungen zwischen Hormone, hormonabhängigen Metaboliten und Nervensystem. Es gibt viele versch. Arten von Hormonen: Steroid-, Peptid- und Proteohormone; von Amino- und Fettsäuren abgeleitete; Beispiele: Insulin, Glucagon, Thyroxin, ADH, Calcitonin, Histamin, Acetycholin. Ein gesund ernährter Mensch braucht keine Hormone schlucken, die erzeugt der gesunde Organismus selbst, bis ins hohe Alter.

2.2.29. Hornhautgeschwüre, siehe Cornea*

2.2.30. Hyperparathyroidismus; Überfunktion der Neben-schilddrüsen mit vermehrter Bildung von Parathormon

2.2.31. Hyperpigmentierung; lokalisiert oder generalisiert auftretende, verstärkte Färbung der Haut durch vermehrte Bildung oder Ablagerung von Pigment als Nävus, Ephilides, Chloasma, Lentigo u. a. Hauterkrankungen sowie bei Stoffwechselstörungen* (z. B. Porphyrie*) u. Medikamenteneinnahme.

2.2.32. Hypervitaminosen; Erkrankungen durch Überdosierung von Vitaminen (meist in synthetischer Form); kommen v. a. bei den fettlöslichen Vitaminen (A, D, E, K) vor, da diese im Ggs. zu den wasserlöslichen Vitaminen gespeichert werden. Die Vitaminpräparate (Beipackzettel) geben Auskunft über die Mengen.

2.2.33. Hypogammaglobulinämie; im Kindesalters; postnatal verzögert einsetzende Synthese von Immunglobulinen der Klasse IgG bei i. d. R. altersentsprechend niedrigen Serumkonzentrationen von IgM u. IgA; Vorkommen: insbes. bei Frühgeborenen; nach Antigenstimulation erfolgt eine adäquate Bildung spezif. Antikörper, die Zahl der B-Lymphozyten ist normal, die zellvermittelte Immunität nicht gestört. Eine Normalisierung der IgG-Serumkonzentration erfolgt meist innerh. der ersten drei Lebensjahre.

2.2.34. Hypokaliämie; häufige Form einer Elektrolytstörung mit Erniedrigung des Kaliums unter 3,5 mval/l, meist in Kombination mit Störung im Säure-Basenhaushalt: 1. verminderte Zufuhr von Kalium, z. B. bei Infusionstherapie mit kaliumfreien Flüssigkeiten; 2. erhöhte Ausscheidung, chron. Niereninsuffizienz (sehr häufig), Erbrechen, Durchfall; Darm; Fisteln, 3. Verteilungsstörungen ohne Verminderung des Gesamtkörperkaliums, z. B. bei Alkalose od. Insulintherapie.
Symptome die bei Hypokaliämie auftreten: Apathie, Adynamie, Parese u. Hypotonie der Muskulatur, Wulstbildung bei Beklopfen der Muskulatur, Bewusstseinsstörungen bis zum Koma; Depressionen, Appetitlosigkeit, Obstipation, Darmstörungen; kardiovaskuläre Sympt.: Tachykardie, Extrasystolen, EKG-Veränderungen, Ödeme.

2.2.35. Hypokalzämie (Calcämie); erniedrigte Calciumkonzentrationn im Blutserum (<2,0 mmol/l bzw. 8,0 mg/dl); Ursache: Calciferolmangel, Rachitis, Malabsorption, chron. Niereninsuffizienz, akute Pankreatitis u. a.; Symptome: gesteigerte neuromuskuläre Erregbarkeit; s. Tetanie.

2.2.36. Hypomagnesiämie; Erniedrigung der Magnesiumkonzentration im Blut; vgl. Magnesiummangelsyndrom*.

2.2.37. Hyponatriämie; Verminderung der Natriumkonzentration im Blut auf Werte unter 135 mmol/l (135 mval/l); meist als Zeichen eines Wasserüberschusses im Organismus, auch eines Mangels an Gesamtnatrium.; Symptome: Apathie, Kopfschmerz, Durst, Appetitlosigkeit, Erbrechen, ggf. Blutumlauf gestört (Tachykardie); Therapie: schrittweiser Natriumersatz (Kreislauf beobachten).

2.2.38. Hypophosphatämie; herabgesetzter Phosphatgehalt im Serum unter 0,57 mmol/l (1,7 mval/l, 3 mg/dl) bei ungenügender Nierentätigkeit; Überfunktion der Nebenschilddrüsen. Zusätzlich kann Vitamin-D-Rachitis* vorkommen.

2.2.39. Hyposiderinämie; Eisen; Verminderung des Serumeisens bei Eisenmangel mit und ohne Anämie; Tumor- und Infektanämie (Eisenbindungskapazität).

2.2.40. Hypovitaminosen; durch Vitaminmangel entstandene Krankheitszustände leichterer Art (schwere Form: Avitaminose*); meist durch Zufuhr des fehlenden Vitamins völlig reversibel; vgl. Vitamine*.

2.2.41. Insuffizienz; Schwäche, ungenügende Leistung eines Organs oder Organsystems, z.B. Herz-, Leber-, Niereninsuffizienz

2.2.42. Intrinsic-Faktor (innerlich); neuraminsäurehaltiges Glykoprotein, das in den Belegzellen der Magenschleimhaut gebildet wird; bildet mit Cobalamin* (sog. Extrinsic-Faktor) einen gegen Pepsin resistenten Komplex u. ermöglicht so dessen Resorption im Krummdarm (Dünndarm); Fehlen bei Atrophie* der Magenschleimhaut oder nach totaler Magenresektion (Operation) führt zu perniziöser Anämie*.

2.2.43. Jodblockade (Iod-) der Schilddrüse; Verminderung der Jodspeicherungsfunktion der Schilddrüse infolge (auch ungewollter) Aufnahme von jodhaltigen Verbindungen (Medikamente, Röntgenkontrastmittel); hohe Joddosen führen zur Herabsetzung der Sch.-Drüsendurchblutung sowie zur Hemmung der Jodaufnahme, somit der Hormonsynthese (Thyroxin T3, T4. Rascher Abfall des T4-Spiegels ist möglich. Die Schilddrüsenhormone sind an der Steuerung des Zuckerspiegel (Glukose) beteiligt. Vorsicht: Nach Schilddrüsen-Op droht Diabetes mellitus.

2.2.44. Kanzerogene (kanzerogen; krebserzeugend); Substanzen oder Faktoren, die beim Menschen oder im Tierversuch die Erkrankungsfälle von (Krebs-) Tumoren erhöhen, die Latenzzeit der Kanzerogenese verkürzen oder das Tumorspektrum in einem Gewebe verändern (erweitern) können. Sie wirken direkt oder indirekt (reaktionsfähige Metaboliten* im Stoffwechsel, Entstehung von Radikalen, Sauerstoffmetaboliten) durch Bindung an ein DNA-Basenpaar (mutagen) und können lokal am Einwirkungsort wirksam werden.
Einteilung nach Substanzart: 1. chemische Stoffe: organische Verbindungen; aromatische und chlorierte Kohlenwasserstoffe, aromatische Amine, Nitrosamine, Insektizide, Zytostatika, Substanzen von Metallen (Salze z. B. Arsen, Beryllium, Chrom, Cadmium, Nickel), Asbest (s. Asbestose) od. Quarz (s. Silikose); 2. natürliche Substanzen: z. B. Pilzgifte, Viren; 3. physikalische K.; z. B. ionisierende od. ultraviolette Strahlen (s. Strahlenkrebs, UV-Schäden).

2.2.45. Katarakt; sog. grauer Star; Bezeichnung für jede Trübung der Augenlinse unabhängig von deren Ursache; verschiedene Einteilung nach Ätiol., Morphologie bzw. Alter beim Auftreten; häufig Vitamin-A-Mangel.

Einschmelzungsvorgänge an der Hornhaut der Augen unterernährter Kinder durch Vitamin-A-Mangel; vgl. Xerophthalmie*.

2.2.47. Krämpfe; unwillkürliche Muskelkontraktionen, nach Ausdehnung und Ablauf werden unterschieden: 1. klonische K.: rasch aufeinanderfolgende, kurzdauernde, rhythmische Zuckungen antagonistischer Muskeln; 2. tonische K.: Kontraktionen von starker Intensität u. langer Dauer, z. B. bei Tetanie u. Tetanus; 3. tonischklonische K.: als generalisierte Krämpfe; 4. lokalisierte K. einzelner Muskeln od. Muskelgruppen, z. B. epileptischer Anfall, Trismus, Tic; Hals-, Nacken- u. Schultermuskelkrämpfe, Wadenkrampf; 5. Beschäftigungskrämpfe (z.B. Schreibkrampf) entstehen als Folge einer übermäßigen Beanspruchung der Muskulatur.

2.2.48. Magnesiummangelsyndrom; infolge Magnesiummangels auftretende Symptome: Tetanie, Tremor, Muskelzuckungen, unwilkürliche Bewegungen, seltener Krämpfe u. Bewußtseinstörende Zustände; z.B. bei schwerem Erbrechen, Durchfällen, chron. Alkoholkrankheit, fast ausschl. Milchernährung (Milch ist sehr magnesiumarm). Das Parathormon (Nebenschilddrüse, Knochenabbau) beeinflusst Magnesium in gleicher Weise wie Calcium. Magnesium und Calcium sind Antagonisten (Gegenspieler, gesteuert von Vitamin D).

2.2.49. Malabsorption; (Mal-, schlecht, schädlich); Verdauungs-Insuffizienz*; Störung der Resorption vom Darm in die Blut- u. Lymphbahn z.B. infolge Kohlenhydratmalabsorption, Hartnup-Krankheit, Methioninmalabsorption, Dünndarmerkrankungen: Darminfektionen, Parasitosen, Zöliakle, Sprue.
Symptome: Gewichtsabnahme, Massenstühle, Muskelschwäche, Haut- u. Schleimhautveränderungen, Anämie, Dünndarm-Op, Durchblutungsstörungen, Tumore.

2.2.50. Maldigestion; Störung der Verdauung im Magen infolge mangelnder Andauung oder Aufspaltung der Nahrung durch Pankreasenzyme (Bauchspeicheldrüse) oder Galle.

2.2.51. Malnutrition (Mal-, schlecht, schädlich); Sammelbegriff für eine Fehl- od. Mangelernährung; unterschieden werden quant. (Dystrophie, Marasmus) u. qual. M. (Eiweißmangeldystrophie, Milchnährschaden, Hypo- u. Avitaminose) sowie chronisch-dyspeptische Formen durch Verdauungsinsuffizienz z. B. bei zystischer Fibrose und. Verschiedenen Formen der Malabsorption*; vgl. Protein-Energie-Mangelsyndrome.

2.2.52. Megalolblasten; abnorme Vorstufen der Megalozyten*. entwickeln sich vom noch hämoglobinfreien Promegaloblasten über M. unterschiedlicher Reifegrade bis zum kernlosen Megalozyten. Die M. sind große Zellen mit unregelmäßig geformten Kernen, enthalten oft Chromatinabsprengungen und reichlich Zytoplasma. Mit zunehmender Entwicklung wird eine Reifungsdissoziation zwischen Kern und Zytoplasma immer deutlicher; trotz weitgehender Hämoglobinisation des Plasmas besitzen die M. noch jugendliche Kerne mit lockerer Chromatinstruktur. Die sog. megaloblastäre Erythropoese ist meist Folge eines Mangels an Cobalamin* oder Folsäure*; Vorkommen bei allen megaloblastären Anämien.

2.2.53. Megalozyten; besondere. Erythrozytenform; sind größer als normale Erythrozyten und haben eine leicht ovale Form, sind hämoglobinreich. Vorkommen bei Cobalamin*- u. Folsäure*-Mangel. Nach Substitutionsbehandlung werden sie durch normale Erythrozyten ersetzt.

2.2.54. Metabolit; im Stoffwechsel durch Enzymreaktionen entstandene oder veränderte Verbindung.

2.2.55. Möller-Barlow-Krankheit (Julius 0. M., Chir., Königs-berg, 1819-1887; Sir Thomas B., Päd., London, 1845-1945); infantiler Skorbut; schwere Avitaminose* (Ascorbinsäuremangel) der Säuglinge und Kleinkinder; Urs.: einseitige Ernährung (Kuhmilch, kein frisches Obst u. Gemüse); Symptome: anfangs Mattigkeit, Appetitmangel, Gewichtsverlust, Kopfschmerzen, später starke Berührungsempfindlichkeit (sog. Hampelmannphänomen), Neigung zu Blutungen an Zahnfleisch, Haut und Muskulatur; typische Skelettveränderungen mit Auftreibung der Knorpel-Knochen-Grenze der Rippen (skorbutische Stufenbrust), Epiphysenlösung u. subperiostalen Blutungen; blutungsbedingte hypochrome, z. T. auch megaloblastäre Anämie; Diagn.: erhöhte ,Tyrosinkonzentration in Blut u. Urin; erniedrigte Ascorbinsäurekonzentration im Blut; Ther.: Ascorbinsäure; siehe Skorbut*.

2.2.56. Myelose, funikuläre; syn. funikuläre Spinalerkrankung. Rückenmarkschädigung bei Mangel an Cobalamin durch unsystemische Entmarkung markhaltiger Nervenfasern v. a. im Bereich der Seiten- u. Hinterstränge infolge Störung der Myelinsynthese; kann zu irreversiblen neurologischen Ausfällen führen; Urs.: meist gestörte Resorption, evtl. ungenügende Zufuhr oder erhöhter Verbrauch von Cobalamin*.
Ursachen: Unabhängig von hämat. Veränderungen u. Allgemeinsymptomen (s. Anämie, pemiziöse) können Sensibilitätsstörungen* (insbes. Störungen der Propriozeption*), Parästhesien, Ataxie, Abschwächung von Reflexen, motor. Lähmungen. Pyramidenbahnzeichen*, Polyneuropathie* u. evtl. psychische Symptome auftreten. Verminderte Cobalaminkonzentration im Blut, daher Substitution von Cobalamin.

2.2.57. Myelomalazie; sog. Rückenmarkerweichung; Nekrose* des Rückenmarks infolge Ischämie; bei Thrombose od. Embolie spinaler Gefäße.

2.2.58. Nervenlähmung, traumatische periphere: Schädigung eines peripheren Nervs; Lähmung ist der Oberbegriff für die Minderung oder den Ausfall der Funktionen eines Körperteils: Bewegungseinschränkungen, Sensibilitätsstörungen.
Die Vitamine des B-Komlexes bezeichnet man auch als Nerven-vitamie.

2.2.59. Neurotransmitter (Überträgersubstanzen); Kleine, diffundierbare Moleküle, die in Vesikeln des präsynaptischen Nervenendes (Synapse) gespeichert sind, durch ein Aktionspotential freigesetzt werden und in ZNS (Zentralnervensystem) sowie peripherem Nervensystem die Erregungsweiterleitung bewirken. Nach Bindung an spezifische Rezeptoren der postsynaptischen Membran kommt es infolge Permeabilitäts- (Durchlässigkeit) und Potentialänderung zu De- oder Hyperpolarisation. Inaktivierung: enzymatisch (Monoaminoxidase) oder durch Wiederaufnahme in das präsynaptische Nervenende. Einteilung nach chemischer Stuktur in: Amine (Acetylcholin, Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin, Serotonin, Histamin, Aminosäuren [Aspartat, Glutamat, Glycin, GABA (Buttersäure)], Nukleotid [ATP (Phosphat, beeinflußt Muskeln, Atmung)] u. Peptide. Serotoninwiederaufnahme-Hemmer, Mononminoxidasehemmer werden als Antidepressiva eingesetzt. Sie verzögern den Abbau.
Die Neurotransmitter steuern mentale Vorgänge (Hunger, Sattheit, Müdigkeit usw.) Melatonin geht aus dem Serotonin hervor und wird nur im Schlaf erzeugt. Mangel an Neurotransmitter erzeugt mit Sicherheit Depressionen und Migräne, das ist heute, nach 40 Jahren medizinischer Diskussion gesichert. Die Biochemiker wußten es schon damals, es steht in alten Lexika aus den 60er Jahren. Es herrschte tödliches Schweigen!

2.2.60. Nitrate; Salze der Salpetersäure (HNO3); natürliches Vorkommen in extremen Trockengebieten (Chilesalpeter), im Boden, Regen- u. Trinkwasser sowie in pflanzlichen Nahrungsmitteln (z. B. Wurzel- u. Blattgemüse); Bestandteil stickstoffhaltiger Düngemittel. Bei zu langer Aufbewahrung der Lebensmittel an der Luft können sich Nitrate in Nitrite und im Magen-DarmTrakt zusammen mit Aminen in stark krebserzeugende Nitrosamine* umwandeln.
N., organische; Ester der Salpetersäure, z. B. Nitroglycerol, Isosorbiddinitrat, Isosorbidmononitrat und verwandte Verbindungen. Wirkungen auf glatte Muskulatur, Erweiterung der venösen Kapazitätsgefäße (stärker als Erweiterung arterieller Widerstandsgefäße) mit nachfolgender Senkung von Vor- und Nachlast des Herzens; die Entlastung des Herzens vermindert den Sauerstoffbedarf. Nitratvergiftung: Durch nitrationenhaltiges und bakteriologisch durch Umwandlung von Nitrat in toxisch wirkendes Nitrit verursachte Methämoglobinämie (im Blut). Mögliche Nitratquellen sind Trinkwasser mit einem Nitratgehalt >35-70 mg/dl oder Nahrungsmittel (bakteriologische Umwandlung des Nitrats).

2.2.61. Nitrosamine; Stickstoff-Nitrosoverbindungen von Aminen; allgemeine Formel R-NH-NO; Nitrosamine entstehen im Sauren bei Anwesenheit von Nitrit und Aminen (z. B. in eiweißreichen Nahrungsmitteln). Sie sind starke Gifte und potente Tumorverursacher (Krebs); Vorkommen v. a. in gepökeltem bzw. geräuchertem Fleisch, Käse, Wurst und Tabakrauch; Bildung auch durch Bakterien und Trichomonaden (tier. Einzeller).

2.2.62. Nyktalopie; Nachtblindheit; eingeschränkte Sehfähigkeit in der Dämmerung und im Dunkeln; teilweiser oder völliger Ausfall des Stäbchensehens; z. B. Retinopathia; auch bei Degeneration der Netzhaut, Mangel an Vitamin A, ausgedehnten Narben in der Netzhautperipherie.

2.2.63. Obstipation (stopfen); Stuhlverstopfung; Sammelbegriff für heterogene Störungen, die durch erniedrigte Stuhlfrequenz (<3/Woche) und notwendiges starkes Pressen bei der Defäkation gekennzeichnet sind.
Symptome: Häufig sog. verlangsamter Kolontransit, bes. bei Frauen; Auftreten auch bei Diabetes mellitus, Hypothyreose, Schwangerschaft oder medikamentös bedingt (Neuroleptika, Antidepressia, Calciumantagonisten, Opiate, Diuretika, Caliumpräparate);

2.2.64. Ödem; Geschwulst, Schwellung, Hydrops, Wassersucht; schmerzlose, nicht gerötete Schwellungen infolge Ansammlung wässriger Flüssigkeit in den Gewebespalten, z. B. der Haut und der Schleimhäute. Ödeme finden sich an fast allen Körperstellen. Beispiele: Stauungsödem (Herz, Beine, Knochen, Lunge, Throm-bose); Nieren- und Leberödeme; Entzündungen; Hungerödeme (Vitaminmangel).

> 2.2.65. Ossifikation; syn. Osteogenese; Bildung von Knochengewebe*. Die normale 0. beginnt beim Feten als desmale 0.perichondrale 0. mit Bildung von Knochengewebe um die Knorpelstäbe der künftigen Röhrenknochen herum. Beim Erwachsenen wird die Erneuerung dieser Knochenmanschette (z. B. nach Frakturen) als periostale 0.bezeichnet. Schließlich folgt während der Fetogenese die enchondrale 0., die bis zum Abschluss des Längenwachstums stattfindet u. von der Grenze zw. Epiphyse u. der gefäßreichen Metaphyse ausgeht. Die lebenslange Knochenerneuerung wird als endostale 0. bezeichnet. Pathol. 0. ist Verknöcherung anderer Gewebearten (Knorpel, Bindegewebe, Muskulatur), z. B. bei Myositis* ossificans, Paraosteoarthropathie*.

2.2.66. Osteomalazie; erhöhte Weichheit u. Verbiegungstendenz der Knochen durch mangelhaften Einbau von Mineralstoffen in die normal od. überschießend gebildete Knochenmatrix (Osteoid) als sek. Ossifikationsstörung; häufigste Ursache Rachitis*, Malabsorption*, Calciferol*-Stoffwechselstörung, primäre Phosphatstörungen*; Symptome: diffuse Skelettbeschwerden bis hin zu schmerzbedingter Unbeweglichkeit; Hypokalzämle, evtl. Hypophosphatämie, Anstieg von alkalischer Phosphatase u. Parathormon; Therapie: je nach Grunderkrankung orale Calcium- od. Phosphatzufuhr, Calciferole bzw. Calciferolmetabolite; bei Malabsorption Calciferole parenteral.

2.2.67. Osteopathie, alimentäre; sog. Hungerosteopathie; durch Mangelernährung (insbes. Protein-, Calcium-, Calciferolmangel) auftretende Brüchigkeit des Skeletts mit mangelhaftem Knochenanbau bei normalem Längenwachstum. Symptome: Knochenschmerzen u. erhöhte Knochenbrüchigkeit i. S. einer Osteoporose* od. Osteoporomalazie* mit Muskelschwäche.

2.2.68. Osteoporose; Erkrankung des Skelettsystems mit Verlust bzw. Verminderung von Knochensubstanz u. -struktur u. erhöhter Frakturanfälligkeit;
Ätiol.: primäre 0.: bisher weitgehend ungeklärt, als Teilfaktoren bei der postmenopausalen u. senilen 0. sind Ostrogenmangel u. Immobilisation bekannt; sek. 0.: Grunderkrankungen: s. Tab. Sympt.: 1. präklin. 0.: keine Frakturen od. Wirbelverformungen; signifikante Verminderung der Knochenmasse gegenüber alters- u. geschlechtsentsprechender Norm; 2. manifeste 0.: mindestens eine Wirbelfraktur bei inadäquatem od. fehlendem Trauma u. evtl. extravertebrale Frakturen; in ausgeprägten Fällen Rumpfverkürzung, Rundrücken, quere Hautfalten in der Flankenregion; chron. Schmerzsyndrom bes. im Rumpfbereich;
Diagn.: (radiol.) Verminderung der Knochenmasse in der Osteodensitometrie"; Grund- u. Deckplatteneinbrüche der Wirbelkörper, Keilwirbel, Fischwirbel; (labordiagn.) Calcium, Phosphor, alkalische Phosphatase im Referenzbereich; (histol.) evtl. Beckenkammbiopsie; Ther.: physikalische Ther., Analgetika, optimale Calciumzufuhr, Calciferole u. Calciferolmetabolite (AlfacalcidoV‘, Calcitriol*), Bisphosphonate"; Stimulation der Osteoblasten mit Fluariden, Hemmung der Osteoklasten mit Calcitonin*;
Proph.: körper!. Aktivität (Gymnastik), calciumreiche Ernährung, evtl. Ostrogen-GestagenSubstitution in der Postmenopause.

2.2.69. Pankreatitis; primär nichtinfektiöse Entzundung. des Pankreas (Bauchspeicheldrüse); gehäuftes Auftreten bei Gallenwegserkrankungen, Papillenstenose u. Alkoholkrankheit; außerdem bei meist stumpfem Bauchtrauma, abdominaler Op., ERCP, i. R. von Hyperlipoproteinämien, Hyperparathyroldismus, Ulkuskrankheit mit Penetration, Virusinfekten (z. B. Mumps, Hepatitis, AIDS), medikamentös (Diuretika, Glukokortikoide, Antibiotika u. a.), sog. Transplantationspankreatitis (ischämisch postop. u. bei Abstoßung des Organs), hereditär (autosomal-dominanter Erbgang, Genlokus 7q35) durch Mutation des Gens zur Inaktivierung des Trypsinogens; 15 % idiopathisch.

2.2.70. Polyneuropathie; Erkrankung peripherer Nerven aus nichttraumatischer Ursache.; Symptome: distal betonte, strumpfförmige sensible Reiz- bzw. Ausfallerscheinungen, z. B. als Parästhesien oder. (ziehende) Schmerzen bzw. Hypästhesie u. Pallhypästhesie; Beginn meist an der unteren, im weiteren Verlauf schlaffe Lähmung, Muskelatrophie und Störungen des vegetativen Nervensystems (Herz-Kreislauf-System, Blase, Mastdarm, Sexualfunktion, Haut). Typisch ist ein symmetrisches Verteilungsmuster der Symptome; asymmetrischer Befall; bei Diabetes mellitus u. Vaskulitis; Porphyrie* u. a.; Stoffwechselstörungen, Urämie; bei Malabsorption u. Malnutrition (Beriberi, Pellagra, Zöliakie u. a.): Bleivergiftung, Thalliumvergiftung, durch Alkohol u. Medikamente, Kollagenosen, rheumatoide Arthritis;

Therapie: Behandlung der Grundkrankheit bzw. Ausschaltung von Noxen, Physiotherapie, Nahrungsergänzung.

2.2.71. Porphyrie; (Purpur); angeborene oder erworbene Störung der Biosynthese von Häm (Porphyrin) mit Überproduktion, Akkumulation od. vermehrter Exkretion von Porphyrinen* od. deren Vorstufen;

2.2.72. Porphyrine; Verbindungen (cyclische Tetrapyrrole) mit dem Gerüst Porphin und versch. substituierten Seitenketten; Metalloporphyrine (z. B. Häm, Hämin, Cobalamin*) enthalten komplex gebundene Metallionen (Eisen*, Magnesium*, Cobalt*) sind oft farbig u. prosthetische Gruppe vieler Chromoproteine (z.B. Hämoglobin, Myoglobin, Chlorophyll. Die Biosynthese erfolgt v. a. im Knochenmark in Leber und Mitochondrien: CoA u. Glycin reagieren unter Decarboxylierung zu Deltaamrnolävulinsäure. Diese Reaktion ein Schlüsselenzym, das durch Häm u. Hämin allosterisch gehemmt (negative Rückkopplung) wird. Zwei Moleküle (ALS) kondensieren unter Wasserabspaltung zu Porphobilinogen. Der Tetrapyrrolring entsteht aus vier Molekülen PBG unter Abspaltung von vier Molekülen NH3 (Porphobilinogen-Desaminase). Durch Decarboxylierung entsteht Koproporphyrinogen III, aus dem durch erneute Decarboxylierung u. Dehydrierung Protoporphyrinogen gebildet wird. Weitere Oxidation und Einbau von Fe2+ (Ferrochelatase) führen zu Häm. Der Abbau der P. zu Gallenfarbstoffen erfolgt v. a. in Leber, Knochenmark u. MiIz. Störungen des Porphyrinstoffwechsels führen zur Porphyrie*.

2.2.73. Phosphatstörungen; Stoffwechselanomalien, die aufgrund von Störung der Nierenfunktion (Enzymdefekte?) entweder bei vermehrter Phosphatausscheidung zu einer erniedrigten Phosphatkonzentration im Blut oder bei verminderter Phosphatclearance (Nierenleistung) zu erhöhten Phosphatwerten im Blut führen; die Symptomatik entspricht dem sogenannten Pseudohyperparathyroidismus (Phosphatdiabetes, Störung im Blut) bzw. dem Pseudohypoparathyroidismus (Nieren, Schilddrüse).
Symptome: chron. Phosphatdiabetes (Vitamin-D-resistente Rachitis, Regulationsstörung im Calciferolstoffwechsel (Vitamin D). Die Hyperphosphatämie bewirkt eine ersetzende Ausschüttung von Parathormon (Nebenschilddrüse gestört) mit der Folge einer Knochenentkalkung und. Erhöhung der alkalischen Serumphosphatase unter dem krankhaften Bild einer Rachitis* (Nieren, Knochen). Ausfall von Calcium- oder Magnesium-Phosphaten als milchartige Trübung im Harn. Mögliche Folgen: Rachitis und Osteomalazie, Vergrößerung von Körperteilen, krankh. Zellvermehrung (Blut), osteolyt.(Knochen-) Metastasen.

2.2.74. Radikal (radix Wurzel); (chem.) Bezeichnung für Atome, Moleküle u. Ionen mit ungepaartem Elektron; früher auch Bez. für stabile Atomgruppen mit spezif. Struktur innerhalb eines Moleküls (Substituent, heute vorwiegend als Rest bezeichnet). Die Stabilität von Radikalen ist abhängig von Gegebenheiten. Die kurzzeitige Existenz stark reaktionsfähiger Freier Radikale* ist nachgewiesen (Reaktionsprodukte).

2.2.75. Resorption; (Aufsaugung); 1. Aufnahme von Stoffen (z. B. Nahrungsmittel, Medikamente) über die Haut oder Schleimhaut (Magen-Darm-Trakt, Atmungsorgane) oder aus Geweben (injizierte Arzneimittel) in die Blut- oder Lymphbahn; 2. aktiver und passiver Vorgang zur Rückgewinnung (Reabsorption) von Wasser und anorganischen und organischen Substanzen aus dem Primärharn der Nierentubuli in die peritubulären Kapillaren.
R.., paraportale; Aufnahme von Stoffen aus dem Darminhalt direkt in die Blutbahn unter Umgehung der Leber.

2.2.76. Rhodopsin; sog. Sehpurpur; Photorezeptorprotein in den Stäbchen der Netzhaut; lichtempfindliches integrales Membranprotein, das aus dem Protein Opsin u. der Vorstufe Alltrans-Retinol ( s. Vitamin A) besteht. Der veränderte Ladungszustand löst an der Synapse der Photorezeptorzelle ein Signal aus, das zum ZNS weitergeleitet wird.

2.2.77. Stoffwechsel; syn. Metabolismus; Gesamtheit aller lebensnotwendigen Reaktionen im Organismus; Bestandteile der aufgenommenen Nahrungsmittel werden entweder zur Assimilation oder. zur Dissimilation verwendet. Viele Reaktionen des St. verlaufen in Zyklen (z. B. Harnstoffzyklus) und werden auf verschiedenen Ebenen reguliert. Der ständig in lebenden Organismen stattfindende Abbau- u. Resyntheseprozess wird Stoffumsatz genannt.
St., anomalien; auch Stoffwechselstörungen; krankhafte Abweichungen der Stoffwechselvorgänge, die häufig durch Enzym-mangel verursacht sind; sie können sich in jedem manifestieren. Die Krankheiten sind pathogenetisch gekennzeichnet durch: 1. Erhöhung von Stoffwechselzwischenprodukten (z. B. Alkaptonurie, Porphyrinurie); 2. Speicherung von Stoffwechselprodukten (Thesaurismosen); 3. Produktion von ungewöhnlichen Metaboliten (z. B. Dicarbonsäuren bei Fettsäurenoxidationsstörungen, Phenylbrenztraubensäure bei Phenylketonurie); 4. Defekte des Transports von Substanzen (z. B. Hartnup*~Krankheit).

2.2.78. Tetanie (Spannung, Krampf); anfallartige Störung der Motorik u. Sensibilität als Zeichen einer neuromuskulären Übereregbarkeit; pathogenetische Einteilung nach der Gesamtcalciumkonzentration im Blut in normo- und hypokalzämische T.; Formen: 1. Manifeste mit schmerzhaften tonischen Krämpfen der Muskulatur, evtl. Pfötchenstellung der Hand, Karpopedalspasmen od. Equinovarusstellung der Füße, Kontraktion der mimischen Muskulatur (sog. Tetaniegesicht mit gespitzten Lippen), idiomuskulärer Kontraktion, Parästhesien insbes. im Bereich der Arme, evtl. Sensibilitätsstörungen (v. a. Anästhesie u. Hypopathie); 2. latente 1. mit uncharakterist. psych. Störungen, Antriebsstörung* (Minderung), evtl. Parästhesien u. Sensibilitätsstörungen; 3. chronische T.: zusätzl. zu den Sympt. der manifesten T. Katarakt, Migräne, Konjunktivitis u. Lichtscheu, Candidosen der Haut, Onychomykosen, evtl. intrakranielle Verkalkungen;
Diagn.: Blutganalyse; von Calcium, Magnesium, Kalium, Phosphat u. Chlorid im Serum, evtl. der Calcium- u. Phosphatausscheidung im Urin.
T., rachitogene; mit. der Rachitis* auftretende hypokalzämische Tetanie im Kindesalter, bes. in der spontanen Heilungsphase im Frühjahr (sog. Heilungskrise). Durch die Frühjahrssonne od. auch durch kleine Dosen von Calciferolen* wird offenbar die Calciumauifnahme des wachsenden Skeletts stärker als die Calciumresorption im Darm stimuliert, wodurch es zu einer Hypokalzämie kommt.

2.2.79. Thrombose; vollständiger od. teilweiser Verschluss von Arterien u. Venen sowie der Herzhöhlen durch intravasale Blutgerinnung mit Bildung von Blutkoageln aus Thrombozytenaggregaten u. Fibrin.
Symptome: drei wesentliche Faktoren 1. Gefäßwandschaden (durch Entz., Arteriosklerose, Trauma); 2. herabgesetzte Blutströmungsgeschwindigkeit (Stase u. verminderte Zirkulation z. B. bei Varizen, Operation, Herzinsuffizienz); 3. veränderte Blutzusammensetzung (Hyperkoagulabilität, verstärkte Thrombozytenaggregation) meist im Bereich der unteren Extremitäten; Th. der Armvenen. Formen: 1. arterielle Th.: >akuter Arterienverschluss bei vorbestehender Arteriosklerose meist im Bereich der unteren Extremitäten;
Sympt.: subakut einsetzende Schmerzen u. häufig inkomplettes Ischämiesyndrom; 2. venöse Th.: Thromboseentstehung im oberflächl. (Thrombophlebitis) bzw. tiefen (Phlebothrombose) Venensystem; gehäuftes Vork. bei Protein-C-u. Protein-S-Mangel, APC-Resistenz, Antithrombin-III-Mangel, bei Frauen >40. Lj., bestehender Varikose, Adipositas, hormonellen Veränderungen (Kontrazeptiva, Schwangerschaft, Cushing-Syndrom), Diabetes mellitus, Vena-cava-inferior-Syndrom, Polytrauma u. längeren Op. sowie als paraneoplastisches Syndrom; Allgemeinsymptome wie Fieber, BKS-Anstieg, Leukozytose, Tachykardie; lokale Sympt.: bei Thrombophlebitis im Bereich des verhärtet tastbaren Venenstrangs Entzündungszeichen, kein Odem der Extremität; bei Phlebothrombose, Überwärmung, Schwellung (Umfangsdifferenz >1,5 cm), Verfärbung des herabhängenden Beins, oberflächliche Kollateralvenen (sog. Warnvenen), u. U. spontane Schmerzen im Bereich des Venenverlaufs, bei Husten zunehmend;
Thrombophlebitis akute Thrombose* oberflächliche Venen mit entzündlichen Reaktion der Gefäßwand, häufig im Bereich variköser Veränderungen.

2.2.80. Thrombozyten; Blutplättchen; von Megakaryozyten im Knochenmark gebildete kernlose, scheibenförmige, korpuskuläre Blutbestandteile mit einem Durchmesser von 2 - 3,5mm und einer Dicke von 0,5 - 0,75mm; werden von einer Zellmembran umschlossen, die vom endoplasmatischen Retikulum der Megakaryozyten abstammt.

2.2.81. Wernicke-Enzephalopathie; auch Wernicke-Korsakow-Syndrom, diffuse Erkrankung im Erwachsenenalter; Thiaminmangel durch verminderte Zufuhr oder Malabsorption* bei Alkoholkrankheit*, Magenkarzinom, nach Magenresektion; so punktförmige Blutungen u. Wucherung der Gefäßwandzellen ohne entzündliche Infiltrationen; kleiner Magen, Augenmuskeln.
Symptome sind Augenbewegungsstörungen, fehlende Reflexe, Bewustseins- u. vegetative Störungen, Durchblutungsstörungen. Behandlung: Gabe von Vitaminen (Thiamin).

2.2.82. Zinkmangeldermatitis; nässende Entzündung der Haut infolge ungenügender Zufuhr (Fehlernährung) oder verminderter Resorption (Darm-Op, Darmstörungen) von Zink. Symptome: Krustenbildung in Gesicht und Genitalien, Analbereich, Blasenbildung an Fingern und Zehen.

2.2.83. Zöliakie; gluteninduzierte bzw. glutensensitive Enteropathie (Erkr. der Dünndarmschleimhaut) im Säuglings- u. Kindesalter; das entspr. Krankheitsbild des Erwachsenen heißt "einheimische Sprue". Das in vielen Getreidearten vorkommende Kleberprotein Gluten mit seiner pathogenet. bedeutsamen glutamin- u. prolinreichen Gliadinfraktion führt aufgrund einer Immunreaktion (Antikörperbildung) zu schweren Veränderungen der Dünndarmschleimhaut. Der Mangel an schleimhautgebundenen Verdauungsenzymen und die Reduktion der Dünndarmoberfläche führt zum Verlust der Funktion des Dünndarms für die meisten Nährstoffe, einschließlich Mineralien und Vitamine. Bei langjährigem Verlauf besteht erhöhtes Karzinomrisiko; gehäuftes Auftreten mit Diabetes mellitus.

Bruno Rupkalwis
Internet: www.hirndefekte.de